Bewerbung nach Branche
Bewerbung in der IT- und Tech-Branche: Anschreiben & Lebenslauf
Bewerbung in der IT- und Tech-Branche: Anschreiben-Muster, Lebenslauf-Schwerpunkte und Tipps für Konzern-IT, SaaS-Startup, Systemhaus und Beratung.
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Kurz erklärt: Die IT- und Tech-Branche in Deutschland ist kein einheitlicher Arbeitsmarkt, sondern zerfällt in vier sehr unterschiedliche Welten: Konzern-IT bei SAP, Siemens IT, Lufthansa Systems, T-Systems oder Volkswagen Software Group; SaaS-Startups und Scale-Ups wie Personio, Celonis, Trade Republic, N26, Forto oder Wandelbots; Systemhäuser wie Bechtle, Cancom, Computacenter und Atos; sowie IT-Beratungen wie Accenture, Capgemini, Cognizant, IBM Deutschland und Sopra Steria. Dazu kommen die DACH-Standorte der Hyperscaler AWS, Microsoft und Google Cloud. Jede dieser Welten hat eigene Erwartungen an Anschreiben, Lebenslauf, Sprache und Auswahlverfahren. Wer pauschal eine Standard-Bewerbung versendet, sortiert sich selbst aus. Dieser Ratgeber zeigt, wie ein Anschreiben für eine Senior-Backend-Stelle bei einem Mid-Tier-SaaS-Anbieter aussieht, welche Schwerpunkte der Lebenslauf je nach Arbeitgeber-Typ braucht, wie Take-Home-Tests und Live-Coding einzuordnen sind und warum ESOP- und VSOP-Pakete in der Gehaltsfrage genauso wichtig sind wie das Bruttogehalt.
Die vier Welten der deutschen Tech-Bewerbung
Die Bewerbungslogik unterscheidet sich in der IT stärker als in fast jeder anderen Branche. Schon der erste Schritt, also die Wahl des richtigen Tons, hängt davon ab, ob die Stelle bei einem Dax-Konzern, einem Berliner Scale-Up oder einer globalen Cloud-Plattform sitzt.
Konzern-IT: SAP, Siemens IT, T-Systems, VW Software Group
Konzern-IT bedeutet meist: längere Prozesse, strukturierte Interviews, klare Hierarchien und ein formelles Anschreiben in deutscher Sprache. SAP in Walldorf, Siemens IT in München und Erlangen, Lufthansa Systems in Raunheim, T-Systems in Frankfurt und Bonn, DHL IT Services in Prag und Bonn sowie die Volkswagen Software Group in Wolfsburg, Berlin und Ingolstadt erwarten in der Regel klassische Bewerbungsunterlagen: Anschreiben, tabellarischer Lebenslauf, Zeugnisse als PDF.
Was hier zählt:
- Branchen-Erfahrung mit Großsystemen (SAP ABAP, S/4HANA, Mainframe, SAP BTP)
- Sicherheitsstandards (ISO 27001, BSI-Grundschutz, KRITIS)
- Erfahrung mit großen Teams, Wasserfall-Restbeständen und SAFe-Skalierung
- Tarif- und Konzernsprache: TV-IG-Metall bei VW, TV-T bei T-Systems
SaaS-Startups und Scale-Ups: Personio, Celonis, Trade Republic
Bei Personio in München, Celonis in München und New York, Trade Republic in Berlin, N26 in Berlin, Forto in Berlin oder Wandelbots in Dresden gelten andere Regeln. Hier bewirbt man sich oft komplett über das Career-Portal mit Greenhouse oder Lever, das Anschreiben ist optional oder wird durch ein einzeiliges Freitextfeld ersetzt. Englisch ist Arbeitssprache, B2 bis C1 wird als selbstverständlich vorausgesetzt.
Ein gutes Profil zeigt hier:
- konkrete Outcomes statt Aufgabenlisten ("reduzierte p95-Latenz um 38 Prozent")
- Stack-Tiefe (Go, Python, TypeScript, Kubernetes, AWS, Postgres, Kafka)
- GitHub-Profil, idealerweise mit aktiven Repositories
- Verständnis für Produktdenken und Metriken (Activation, Retention, MRR)
Systemhäuser: Bechtle, Cancom, Computacenter, Atos
Systemhäuser sind der unterschätzte Riese der deutschen IT. Bechtle in Neckarsulm, Cancom in München, Computacenter in Kerpen und Atos in Eschborn beschäftigen tausende Consultants, Architekten und Service-Manager. Die Bewerbung ist klassisch, das Anschreiben Pflicht, aber die Sprache ist projektorientiert. Hier zählen Zertifizierungen besonders viel: AWS Solutions Architect, Azure Administrator, Microsoft 365 Certified, Cisco CCNA, ITIL Foundation. Reisebereitschaft und Führerschein der Klasse B werden meist explizit abgefragt.
Beratung und Hyperscaler
Accenture, Capgemini, Cognizant, IBM Deutschland und Sopra Steria sortieren ihre Bewerber zwischen Strategie- und Technologie-Track. AWS, Microsoft und Google Cloud mit DACH-Standorten in München, Berlin, Hamburg und Frankfurt fahren globale Standardprozesse mit mehreren Loops: Recruiter-Screen, Hiring-Manager-Call, technisches Interview, Bar-Raiser oder Googleyness-Interview. Wer hier nicht weiß, was STAR und "Leadership Principles" bedeuten, verliert Punkte.
Funktionsbereiche: Anforderungen je Rolle
Engineering: Backend, Frontend, Fullstack, DevOps, SRE
Engineering-Stellen sind in Deutschland inzwischen weitgehend Remote-First oder Hybrid mit ein bis zwei Bürotagen. Das Bewerbungsverfahren hat fast immer drei Stufen: Recruiter-Screening, Take-Home-Test oder Live-Coding und ein System-Design-Gespräch ab Senior-Level. Wer als Senior antritt, sollte System-Design-Klassiker wie verteilte Caches, Event-Sourcing, idempotente APIs und Datenbank-Sharding sicher erklären können.
Data, Product, Design
Data-Engineers und Analytics-Engineers landen oft im selben Funnel wie Backend, mit zusätzlichem dbt- oder SQL-Test. Product-Manager-Bewerbungen verlangen häufig einen Case ("Produkt verbessern", "Feature priorisieren"). Designer reichen Portfolio plus Case-Study ein, Figma-Files sind Standard, klassische Anschreiben oft optional.
Sales und Customer Success
In SaaS-Vertrieb und Customer Success zählt der Quoten-Track-Record. Im Lebenslauf gehört zu jeder Station eine Zahl: Quota-Attainment in Prozent, Pipeline-Größe, durchschnittliche Deal-Größe, Net Revenue Retention. Das Anschreiben darf hier verkaufender wirken als in Engineering-Bewerbungen, sollte aber nicht ins Werbliche kippen.
Anschreiben-Beispiel: Senior Backend Engineer bei Mid-Tier-SaaS
Das folgende Beispiel zeigt einen Wechsel aus einer Konzern-IT in ein wachsendes SaaS-Unternehmen. Ausgangslage: Bewerber arbeitet aktuell bei einem Logistik-Konzern in Bremen, bewirbt sich auf eine Senior-Backend-Stelle bei Doctolib in Berlin (Mid-Tier-SaaS, Healthcare-Plattform). Das Anschreiben folgt DIN 5008.
Lukas Brinkmann
Hutfilterstraße 12
28195 Bremen
lukas.brinkmann@example.de
+49 421 1234567
Doctolib GmbH
Recruiting Engineering
Mehringdamm 51
10961 Berlin
Bremen, 17. Mai 2026
Bewerbung als Senior Backend Engineer, Plattform-Team
Referenz: DOC-BE-2026-114
Sehr geehrte Frau Lefèvre,
Ihre Stellenanzeige für das Plattform-Team hat meine Aufmerksamkeit
geweckt, weil Sie genau das Problem skalieren, an dem ich seit
vier Jahren arbeite: zuverlässige, mehrmandantenfähige Backend-Systeme
mit harten Anforderungen an Verfügbarkeit und Datenschutz.
Aktuell verantworte ich bei einem Bremer Logistik-Konzern die
Buchungs-API, die täglich rund 2,4 Millionen Requests bedient.
In den letzten 18 Monaten habe ich das Service-Mesh auf Go und
gRPC migriert, die p95-Latenz von 480 auf 160 Millisekunden gesenkt
und ein Event-Sourcing-Modell mit Kafka eingeführt, das die
Wiederherstellung nach Ausfällen von Stunden auf unter zehn Minuten
verkürzt hat. Parallel habe ich zwei Junior-Engineers eingearbeitet
und unser On-Call-Rotationsmodell neu aufgesetzt.
Doctolib reizt mich aus zwei Gründen. Erstens ist die Healthcare-
Domäne regulatorisch anspruchsvoll, hier sehe ich klare Parallelen
zu unserer Arbeit mit Zolldaten und GDPR. Zweitens passt Ihr Stack
aus Ruby, Go und Postgres auf AWS zu meinen Schwerpunkten, und Ihre
öffentlich dokumentierten Engineering-Prinzipien decken sich mit
meinem Verständnis von Plattform-Arbeit.
Mein Englisch ist auf C1-Niveau, ich habe in den letzten zwei Jahren
in verteilten Teams mit Kolleginnen in Lissabon und Bukarest
zusammengearbeitet. Ein Umzug nach Berlin ist eingeplant, hybride
Arbeit aus Bremen wäre für die ersten Monate eine Option.
Über die Einladung zu einem Gespräch und den nächsten Schritten Ihres
Interview-Prozesses freue ich mich.
Mit freundlichen Grüßen
Lukas Brinkmann
Das Anschreiben bleibt sachlich, nennt drei konkrete Zahlen, erklärt den Wechselgrund glaubwürdig und greift das Stellenprofil auf, ohne zu kopieren. Englischkenntnisse und Umzug werden früh thematisiert, weil beides typische Stolpersteine sind.
Lebenslauf-Schwerpunkte für IT- und Tech-Bewerbungen
Ein Tech-Lebenslauf ist kompakter als ein klassischer deutscher CV, aber inhaltsreicher pro Zeile. Ein bis zwei Seiten sind Standard, drei nur bei zehn Jahren Berufserfahrung aufwärts.
Pflicht-Bestandteile:
- Kopfzeile mit Name, Rolle, Stadt, E-Mail, Telefon, LinkedIn-URL, GitHub-URL
- Optional ein zweizeiliges Profil-Statement ("Senior Backend Engineer mit Schwerpunkt verteilte Systeme, 7 Jahre Go, AWS, Postgres")
- Berufserfahrung in umgekehrter Chronologie mit je drei bis fünf Bullet Points pro Station
- Tech-Stack-Block: Sprachen, Frameworks, Datenbanken, Cloud, Tools
- Bildung kurz, ohne Schulnoten
- Open-Source, Talks, Publikationen, falls vorhanden
Was in die Bullet Points gehört:
- Outcome statt Aufgabe: nicht "verantwortlich für Performance", sondern "p99-Latenz von 1.200 auf 320 ms reduziert"
- Skalen-Angaben: Requests pro Sekunde, MAU, Datenvolumen, Teamgröße
- Stack-Nennungen in der Zeile, in der die Arbeit beschrieben wird
- Geschäftsimpact, wenn messbar: "ermöglichte Markteintritt in Frankreich"
Was rausfliegt:
- Foto, wenn man sich überwiegend bei englischsprachigen Tech-Firmen bewirbt
- Hobbys ohne Tech-Bezug
- veraltete Tools, die seit über fünf Jahren nicht mehr eingesetzt werden
- zu lange Schul- oder Praktikums-Blöcke
Tool-Liste, die Recruiter erwarten zu sehen, wo relevant: Git, GitHub, GitLab, Bitbucket, Slack, Notion, Linear, Jira, Confluence, PagerDuty, Datadog, Sentry, Grafana, Prometheus, Terraform, Pulumi, Docker, Kubernetes.
Auswahlverfahren: Take-Home, Live-Coding, System-Design
Ein eigener Punkt, weil deutsche Tech-Unternehmen in den letzten Jahren stark angezogen haben. Wer sich heute auf eine Engineering-Stelle bewirbt, sollte mit folgenden Stufen rechnen:
Take-Home-Aufgaben
Übliche Bearbeitungszeit zwischen drei und sechs Stunden, oft mit einer Woche Frist. Gute Unternehmen nennen die Zeitvorgabe transparent, Personio und Celonis sind hier beispielhaft. Wichtig: README mit Designentscheidungen, Tests, Trade-Offs. Eine zu polierte Lösung ohne Erklärungen wirkt schwächer als eine ehrliche.
Live-Coding
Typischerweise 45 bis 60 Minuten in CoderPad oder Codility, manchmal pair-programming-artig mit einem Engineering-Manager. Algorithmen-Tiefe wie bei Hyperscaler-Interviews ist seltener, dafür realistische Modellierungs-Aufgaben.
System-Design ab Senior-Level
Klassische Themen: URL-Shortener, Notification-System, Booking-Plattform, Event-Pipeline. Erwartet wird ein Gespräch, kein Vortrag. Wer Trade-Offs zwischen Konsistenz und Verfügbarkeit, zwischen SQL und NoSQL, zwischen Push- und Pull-Modellen sauber erklärt, qualifiziert sich.
Behavioral und Values
Bei Hyperscalern und größeren Scale-Ups gehört ein Wertegespräch dazu. AWS arbeitet mit den Leadership Principles, Google mit Googleyness, Personio und Celonis haben eigene Values. STAR-Antworten mit konkreten Situationen aus dem eigenen Werdegang sind hier besser als abstrakte Selbstauskunft.
Gehalt, ESOPs und VSOPs verstehen
In der Konzern-IT verhandelt man Brutto-Jahresgehalt, eventuell Tarifgruppen, einen Firmenwagen und Bonus. In SaaS-Startups und Scale-Ups kommt eine zweite Komponente dazu: virtuelle Anteile.
- ESOP (Employee Stock Option Plan): echte oder optionsbasierte Anteile am Unternehmen, in Deutschland eher selten in reiner Form.
- VSOP (Virtual Stock Option Plan): vertragliche Zahlungsversprechen, die im Exit-Fall greifen. In Deutschland deutlich verbreiteter.
Was man im Bewerbungsgespräch klären sollte:
- Vesting-Dauer (meist vier Jahre mit einem Jahr Cliff)
- Bewertungsbasis (aktuelle Bewertung, Strike-Preis, Verwässerungsschutz)
- Exit-Bedingungen (nur Trade Sale, auch IPO, auch Sekundärverkauf)
- Steuerliche Behandlung im Auszahlungsfall (in Deutschland 2024 reformiert, weiter komplex)
Faustregel: ein VSOP-Paket sollte nie das Hauptargument für eine Stelle sein. Es ist Lotterie-Logik. Wer einen Wechsel rein wegen virtueller Anteile macht und im Brutto deutlich verzichtet, geht ein höheres Risiko ein, als viele Recruiter zugeben.
Häufige Fragen
Brauche ich für eine Bewerbung bei SaaS-Startups ein Anschreiben?
In rund der Hälfte der Fälle nein. Personio, Celonis und N26 erlauben optionale Anschreiben oder ersetzen sie durch ein bis zwei Pflichtfragen im Greenhouse-Formular. Trotzdem lohnt sich ein kurzes, drei- bis fünfsätziges Motivations-Statement, weil es im internen Hiring-Tool sichtbar bleibt und Hiring-Manager es lesen.
Muss mein Lebenslauf auf Englisch sein?
Bei Hyperscalern, internationalen Scale-Ups und vielen SaaS-Startups: ja. Bei Konzern-IT, Systemhäusern und deutschen Mittelständlern: nein. Eine englische Version zusätzlich vorzuhalten ist sinnvoll, weil Recruiter sie oft kurzfristig nachfordern, etwa für ein internationales Interview-Loop.
Wie gehe ich mit Take-Home-Aufgaben um, wenn ich wenig Zeit habe?
Ehrlich kommunizieren. Eine kurze Mail an den Recruiter mit dem Hinweis, dass man die Aufgabe innerhalb von zehn statt sieben Tagen abgeben möchte, ist in fast allen seriösen Prozessen kein Problem. Schlechter ist es, eine schlampige Lösung in halber Zeit abzuliefern.
Wie wichtig ist mein GitHub-Profil?
Für Engineering-Stellen unterhalb von Senior: spürbar wichtig, weil Recruiter es als Plausibilitätscheck nutzen. Ab Senior-Level wird es weniger wichtig, weil dort Architektur- und Führungs-Erfahrung zählt, die selten öffentlich sichtbar ist. Ein aktives Profil schadet nie, ein leeres ist kein Ausschlusskriterium.
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